Neu erschienen

1.

 

Die Tür schlug hinter mir zu, das fiel mir erst später auf. Keiner war da gewesen, der sie diensteifrig vor mir aufgerissen hätte und sie gehalten, während ich mit einem Frösteln tiefer in meinen Mantel sank, den Mantelkragen hoch geschlagen bis über die Ohren. Ich musste alles allein. Nur kam jede Schutzbewegung viel zu spät. Ein Kapitel war zu Ende in diesem Buch vom Leben. Es schlug seine Deckel zu, wir waren wieder draußen.  Keiner war da, der diese Tür sanft ins Schloss gedrückt und So, das wär´s, ihr könnt zufrieden sein gesagt hätte.

Wir waren nur traurig und wussten nicht, ob wir es nicht bleiben wollten, für immer. Dort, in der aufgehobenen Zeit werden wir sie einholen, haben wir gelernt. Senta. Nicht früher. Mario, Martin, Michael, Richard, Marco und die anderen –  die schon. Die haben ihre Welt, in der alles möglich ist. Die Fantasie kennt keine Behinderung, der Behinderung bleibt die Fantasie.

Und Adi? Er wird Senta vergessen, wir nicht. Er wird zurückkehren (er war ja nie wirklich fort), zurück zu seinen Bahnen und Kreisen, in denen er denkt, so lange, bis er nichts mehr denkt, sagen die einen, und nur mehr vor sich hin grinst, die anderen angrinst, sie nervt, sie belustigt, sie irritiert, sie ängstigt – das haben wir alles schon gehabt. Ihm war´s egal. Haben viele geglaubt. Stimmt aber nicht. Im Moment war alles, was in seinem Kopf war, für ihn wichtig, und es hat sogar gehalten bis zum nächsten Tag. Oder bis zum nächsten Moment, wenn wir wieder gekommen sind, alle. Oder einzeln. Senta zum Beispiel, die am Anfang ihre Probleme hatte, ihren Widerstand und ihre Angst, und dann aber diese Geschichte erlebte, uns mit erleben ließ. Bis sie uns zurück gelassen hat.

Gegen die Kälte hilft kein hoch geschlagener Mantelkragen, wenn sie in uns hinein kriecht. Die Jahreszeit ist´s auch, aber vor allem der Schrecken über uns, über Senta, wenn wir denken, was sein wird ohne sie, was sein wird mit uns, mit Adi. Da ist etwas aufgebrochen in ihm, etwas ist vorgefallen mit ihm, entstanden. Aber nichts ist passiert.

Das war Sentas Spruch: Es passiert nix. So viel Versicherung ist davon ausgegangen, Beruhigung, Trost, den sie selber gebraucht hätte. Wir waren viel zu stumm.

Den Schnee, der mir jetzt entgegen trieb, hat sie noch gerochen. Es wird Schnee geben, hat sie gesagt und die Zukunft gedacht, die nicht mehr ihre Zukunft war. Adi mag den Schnee, hat sie gesagt, aber ich glaub, er weiß gar nicht mehr, was das ist.  Er mag alles, von dem ich rede. Zeigt ihm den Schnee!

Wir wollen aber, dass sich der Schnee selber zeigt, wie du dich gezeigt hast, Senta, sonst wären wir ständig damit beschäftigt zu sagen: Das war die Senta, Adi, weißt du noch? Das ist Schnee, Adi, Senta hat ihn dir gezeigt, weißt du noch, es ist besser, dass du nicht mehr weißt.

Aber wir. Wir können nicht vergessen, nicht einmal von vorn beginnen, du fehlst uns für den Anfang. Erzählen können wir, um dich herbei zu reden und die Erinnerung unverfälscht zu halten, zumindest den  Zustand, als wir dich hatten.

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