Texte

Harald Gordon: Fußballmärchen

Vorstellung Es war einmal eine Fußballmannschaft, deren Spieler konnten nicht gewinnen.
Problementwicklung Alle Spiele, die sie bestritten, verloren sie, so sehr sie sich auch bemühten. 3 Spiele, 7 Spiele, 12 Spiele, 40 Spiele und mehr. Jedes endete: …zu null. Alle Leute im Dorf machten sich Gedanken, und manch einer brachte sie vor.
Wunsch „Ihr müsst euch mehr bemühen.“ – „Ihr braucht einen, der euch hilft.“ – „Mehr Mut, ihr Nullen!“Kein Wunder, dass sie sämtliche Lust verloren und den Ball nur mehr in der Gegend herumdroschen, ihn durch die Gegend pfefferten und jedes Spiel vergeigten.
Vermittlung Dem Ball gefiel das gar nicht. Schließlich war er zu Höherem da, nämlich Tore in Punkte zu verwandeln.
Durchführung Er machte bei nächster Gelegenheit eine Kurve, prallte gegen einen Kopf und gegen einen zweiten und dritten – und: Tor! Tor? Tor!! War das möglich? Die Loser hatten ein Tor geschossen. Der gegnerische Tormann schlug den Ball ab, traf den Kopf einer Null – und: Tor! Schuss – Kopf – Tor! Und wieder. Und noch einmal. Und so fort.
Lösung des Problems Kein Wunder (oder doch?), dass die Lust zurückkehrte. Und alles jubelte. Am meisten natürlich die Ratgeber.
Rückkehr zur gewünschten Ordnung Und weil die Spieler mit Lust gewannen, verloren sie nie mehr.

 

Harald Gordon: Aus Lesewelten – Lesestunde

 Da standen sie. 13. Typisch 13. Was für ein Alter. Kein Lesealter jedenfalls.

Buch les ich keines. Bin doch nicht blöd.
Wann ich mein letztes Buch gelesen hab? Kann mich nicht erinnern.
So standen sie da. Mitten in der Statistik.

Jetzt aber. Da war ein Auftrag. Wähle ein Buch, ein erzählendes Buch und prüfe es!? Vielleicht willst du es weiter lesen? So standen sie da. Mitten im Raum, Blickrichtung Regal, Körperhaltung mit Gegendrehung. Die Hände versanken in ihren Taschen, Füße fast schon überkreuz, eine Ferse ins Parkett gebohrt. Köpfe senkten sich. Blick von unten. Von den Regalen ging wohl keine reale Gefahr aus?

Einige andere lösten das Problem schnell. Irgendeines von diesen Büchern da, ein dünnes, wird schon passen. Und rein in die Nische, hab ich meine Ruh, 20 Minuten zumindest, wenn ich Ruh geb.

Einige schoben sich gegenseitig vor, hin zu den drohenden Rücken. Buchrücken. Welchen werd ich wohl nehmen (müssen), einen gelben, einen blauen, einen roten, einen…Was stand da? Er ging einen Schritt näher hin. Legte den Kopf schräg, in Leserichtung für Buchrücken.

Die Aufstellung ist wirklich nicht die günstigste, dachte ich. So Rücken an Rücken geben sie wenig her, die Buchsoldaten, Reih und Glied. Man müsste sie nachdrehen, den Deckel ganz sehen, den Titel, die Illustration… was er verspricht, was sie verheißt. In Vorau, in der Stiftsbibliothek, sind sie sogar vom Aufstellen abgegangen, fiel mir ein. Zum Liegen sind Bücher besser geeignet. Aber zumindest wäre eine Auflockerung der Regale nötig. Angesprungen müssten die Leute werden von den Angeboten, angesungen, angejammert, angesäuselt…Lies mich!

Was, da standen einige Helden noch immer, die waren resistent.  Ich erkannte sie sofort. 10 Minuten so tun als ob, die Geschichte von einer Hand in die andere wandern lassen, links rechts links, von einem Regal – ins andere. Ich spürte, wie mir das Blut hochstieg. Hatte ich einen erwischt, der die Regeln nicht einhielt? Der das Ordnungssystem ignorierte? Der meine Ohnmacht kitzelte? Konnte ich ihn dingfest machen, buchfest wenigstens? Wo hast du das her! Wo gehört das hin! Keine Ahnung. Das war schon da? Wollte mich da einer provozieren oder handelte er schon in Notwehr. Er grinste, aber auch das sagte nichts darüber aus. Schon längst hatte sich an anderer Stelle durch andere Personen der Vorgang wiederholt und ich den Überblick verloren. Nicht nur die Dummheit, sagte Horvath, auch der Umgang mit Büchern, sage ich, ist für das Gefühl der Unendlichkeit gut. Du kommst zu keinem Ende. Lesen ist noch das Geringste. Nichtlesen ist da schon unendlicher.

Ich ließ ab von ihnen, wie sie von meinen Büchern. Natürlich hatten sie sich entschieden. Der Titel: nichtssagend, die Illustration: fad, der Umfang: zu viel, das Thema: zu unklar, zu weit weg, zu nahe, zu schwierig, zu belanglos, zu wichtig.

Schließlich hatten sich die meisten doch auf ein Exemplar eingestellt, das sie auf ihren Leseplatz mitnehmen wollten. Wie die Zeit verging.

Nur einer war übrig geblieben. Marcel hatte es nicht geschafft. Was konnte ich tun. Ihm ein Buch in die Hand drücken, einfach so. Egal was, egal warum gerade das, im Wissen, er würde es niemals, niemals – lesen.

Zu den schönsten Wiederholungen vor der vollen Regalwand zählte der Satz: Was soll ich da nehmen, da ist ja nichts. Und wäre die Frage nur gedacht, so wäre die Antwort doch real. Wenn du willst, dass andere ein Buch lesen, zeige ihnen nicht, wo es steht, sondern erzähle ihnen von der Welt hinter dem Regal.

So fing ich zu erzählen an: Da standen sie. 13. Typisch 13. Die Welt war vor dem Regal.

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